Mural Harbor: Graffiti Hafengalerie in Linz

SHED lässt den Blick ruhig über die anwesenden Menschen streifen und erzählt: alles begann vor  Jahren mit einer leeren Wand und der Idee, den Ausblick auf eben diese leere Wand zu verschönern. „Eh kloar, es scheiterte.“, ergänzt er belustigt. „Olle woiten mitredn und raus kumma is a Graffiti, des niemandn gfoin hot. Dem Künstler hot es net gfoin, mir hot es net gfoin, der Linz AG hot es net gfoin. Es woar afoch schiach.“

SHED ist der offizielle Graffiti-Künstlername von Erich Willner. Er leitet heute die Bootstour durch den Mural Harbor am Industriegelände der Linz AG. Als Teil der in Kalifornien beheimateten Lords Crew ist SHED in der Graffiti-Szene kein Unbekannter. Aufmerksamkeit erregte er in Österreich als er in Kooperation mit dem Karikaturisten Gerhard Haderer die Zeichnung „A Kiwara is (k)a Hawara“ – Polizist küsst Sprayer umsetzte. Der dargestellte Sprayer ist er und genauso schaut er auch heute aus: dunkelgrüne, dicke Daunenjacke, eine blaue Mütze mit weißen Streifen. Seine schwarzen Schuhe zieren Farbspritzer.

Ein Schluck von seinem Bier und schon sprudeln im tief oberösterreichischen Dialekt die Geschichten rund um den Mural Harbor in Linz aus ihm heraus. Nebenbei erklärt er den Unterschied zwischen Graffitis und Murals. Ein Mural ist ein großflächiges Wandbild, daher auch der Name Mural Harbor. Unter Graffitis werden Zeichen und Schriftzüge verstanden.

 

Mural Harbor: Graffiti Hafengalerie
in Linz

Entlang der Gleise geht es zum Boot. Da es ein Industriegelände ist, müssen Warnwesten getragen werden.
Entlang der Gleise geht es zum Boot. Da es ein Industriegelände ist, müssen Warnwesten getragen werden.

2011 war es soweit: die Hafengalerie wurde im zweiten Anlauf vom Kulturverein Mural Harbor und in guter Zusammenarbeit mit der Linz AG eröffnet. Inzwischen haben KünstlerInnen aus über 20 verschiedenen Nationen mehr als 100 Graffitis und/oder Murals entstehen lassen. Weltweit bekannte KünstlerInnen wie Aryz aus Spanien, Fikos aus Griechenland oder Roa aus Belgien sind genauso zu sehen wie heimische SprayerInnen.

Und da die meisten Kunstwerke am besten vom Wasser aus zu sehen sind, gibt es seit dem letzten Jahr neben der Besichtigung zu Fuss auch Bootstouren durch den Industriehafen. Ein Graffiti Crashkurs rundet das Programm ab. Die Kosten für die Mural Harbor Tour liegen je nach Tour zwischen 15€ und 25€.

Wichtig!: Die Hafengalerie befindet sich auf einem Industriegelände und darf nicht auf eigene Faust besichtigt werden. Bootstouren finden derzeit ausschließlich am Samstag statt. Walks sind ab einer Gruppengröße von 10 Personen individuell vereinbar.

Ausblick auf die Gebäude bei der Bootstour durch den Mural Harbor in Linz
Ausblick auf die Gebäude bei der Bootstour durch den Mural Harbor in Linz
Das Bild eines zerschnittenen Steinbocks fügt sich perfekt in die Hausmauer ein - Kunstwerk vom belgischen Graffitimaler Roa
Das Bild eines zerschnittenen Steinbocks fügt sich perfekt in die Hausmauer ein – Kunstwerk vom belgischen Graffitimaler Roa
Das Graffiti an der Wand zeigt drei Füchse, die einem Hasen nachjagen.
Wer die Augen zusammenkneift, kann es erkennen: drei Füchse jagen einen Hasen.

 

 

Der Graffiti Crashkurs – How-to-do-a-graffiti?

SHED alias beim Erklären der einzelen Schritte wie ein Graffiti entsteht. Dabei sprüht er die MH mit oranger Farbe an die weiße Wand.
SHED alias Erich Willner beim Erklären der einzelen Schritte wie ein Graffiti entsteht

Die Bootstour ist zu Ende. Über die Gleise spazieren wir zur Übungswand. Im alten Bus „Regulator“ stehen die Sprühdosen zum Üben bereit. Der Graffiti-Crashkurs beginnt mit Sicherheitsbelehrungen: nicht in die Augen sprühen, erst an der Wand die Sprühkappen aufstecken, vorsichtig beim Gewand – die Farben sind nur vom Körper abwaschbar und nicht von der Kleidung. Dann erklärt SHED innerhalb von Minuten (!) Schritt für Schritt wie ein Graffiti gemacht wird:

  • Schritt 1: Konturen aufsprühen und mit der Dose immer relativ nah bei der Wand bleiben. Gezeichnet wird nicht durch eine einfache Armbewegung, sondern der ganze Körper arbeitet mit.
  • Schritt 2: mit der gleichen Farbe die vorgemalten Konturen mit einer „Morse-Technik“ ausfüllen (meint nicht dauerhaft am Sprühknopf drücken, sondern auch Pausen machen)
  • Schritt 3: die Outline nachzeichnen mit einer anderen Farbe
  • Schritt 4: einen versetzten Schatten dazuzeichnen
  • Schritt 5: Highlights setzen z.B. bei den Buchstaben auf der rechten Innenseite
  • Schritt 6: Umrahmung des Bildes mit einer weiteren Farbe
  • Schritt 7: Tunen, d.h. Aufpeppen beispielsweise mit Punkten und FERTIG!

Hier gibts die Videoerklärung im Live-Twitter-Video von Günther Exel.

Motiviert schnappe ich mir ein paar Dosen und lege los. Wie war das nochmal? Hinmalen, ausmalen, Schatten,… – meine Zeichnung schaut aus wie „hingekotzt“ – im Graffiti Jargon würde derartiges tatsächlich „Throw-up“ heißen. Aber meiner Meinung nach hat es nicht mal diesen Namen verdient (der Beweis ganz unten). Erneut stelle ich fest: Graffitis malen zu können ist Kunst. Wer das nicht glaubt, sollte einen der angebotenen Kurse besuchen!

 

Graffitis zwischen Kunst und Vandalismus

Die Wand hinter den leeren Güterzügen ist geziert mit bunten Graffitis am Mural Harbor am Industriehafen der Linz AG
Die Wand hinter den leeren Güterzügen ist geziert mit Graffitis am Mural Harbor am Industriehafen der Linz AG

Lange Zeit wurden Graffitis ausschließlich mit Vandalismus gleichgesetzt. Vor allem die oft als wenig ästhetisch wahrgenommenen Tags (Signaturkürzel) waren und sind HauseigentümerInnen ein Dorn im Auge. Mit dem britischen Graffitikünstler Banksy wurde „Streetart“ en vogue, ein Begriff, den es auch noch nicht allzu lange Zeit gibt.

Statt auf pure Ablehnung zu setzen, entstanden die ersten Initiativen, um SprayerInnen legal Flächen für ihre Kunst zur Verfügung zu stellen. Ein Erfolgskonzept könnte man meinen. Denn zahlreiche Städte haben es mit diesen Konzept geschafft unbeliebte Stadtviertel zu neuem Glanz zu verhelfen, das Image aufzupolieren und darüber hinaus zahlreiche TouristInnen anzulocken.

Positive Beispiele gibt es genügend:

  • das Stadtviertel Soho bzw. auch Barrio de las Artes in Malaga in Spanien
  • das Stadtviertel Florentine im Stadtzentrum von Tel Aviv in Israel
  • die Galeria de la Arte Urbana in Lissabon in Portugal oder auch
  • der Donaukanal im Zuge des Projekts Wienerwand in Wien in Österreich

Auch wenn durch die mutigen Streetart-Initiativen die Bevölkerung für diese außergewöhnliche Kunstform vermehrt sensibilisiert wird/wurde, wird „Sprayen“ zur falschen Zeit am falschen Ort immer eins bleiben: Vandalismus.

Schade, ein bisschen. Darum finde ich es großartig, dass die Linz AG den Schritt gewagt hat ihren Industriehafen für diese moderne Kunstinitiative zur Verfügung zu stellen. Wäre es nicht cool, wenn das Projekt weitere Verbreitung finden würde? z.B. mit einer für SprayerInnen reizvollen, kunstvoll und legal besprühten Bim oder eines ganzen ÖBB-Zuges mit der Fortsetzung „Sprayer küsst Schaffner“?… wäre nur so eine Idee…

Was haltet ihr davon?

 

Weitere Informationen zum Mural Harbor & Linz

  • alle Informationen zu den Graffiti Workshops, Walking Touren, Bootstouren und KünstlerInnen gibt es auf der offiziellen Webseite von Mural Harbor!
  • Linz ist die Landeshauptstadt von Oberösterreich, drittgrößte Stadt in Österreich und gilt seit jeher als Arbeiterstadt aufgrund des in der Gegend ansässigen Stahlwerks voestalpine
  • auf der Westbahnstrecke gelegen dauert die Anreise von Wien circa 1h 20min; von Salzburg kann Linz mit dem Zug in knapp 1h 10min erreicht werden
  • Linz liegt direkt an der Donau – wer also am bekanntesten Radwegs Europas (vielleicht übertreibe ich auch) – dem Donauradweg – von Passau nach Wien unterwegs ist (hier gehts zu meinen Donauradweg-Erfahrungen) könnte für eine Erkundungstour halt machen
  • Nur für den Mural Harbor nach Linz kommen? Was gibt es in Linz noch zu sehen? Zum Beispiel:
    • nicht nur zum Ansehen, sondern zum Essen: die Linzer Torte!
    • die Grottenbahn (der Drachenexpress) am Pöstlingberg (die Bahn ist so retro, dass sie schon wieder cool ist)
    • das Ars Electronica Center mit Ausstellungen zu den Themen Kunst oder Technologie
    • am besten einmal durch die Top-10 Vorschläge von Linz Tourismus schmökern

 

Mein Throw-Up: TW steht klarerweise für TravelWoman

 


Mein Besuch des Mural Harbors fand im Zuge der ABCstar BloggerInnenkonferenz am 21. April 2017 in Linz statt. Der Insta-Walk wurde gemeinsam mit Linz Tourismus & dem Kulturverein Mural Harbor durchgeführt. Vielen Dank an das ABCstar-Team für die Organisation!

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