Reisen als persönliche Assistentin: Mit am E-Rolli Fussball Turnier in Sevenoaks

Nein, ich reise nicht nur. Ich habe auch eine Arbeit. Bisher habe ich keine große Sache daraus gemacht. Schon seit dem letzten Jahr arbeite ich als persönliche Assistentin für RollstuhlfahrerInnen. Für mich war dies bis jetzt die beste Lösung, um einen zufrieden stellenden Kompromiss zwischen Arbeiten und Unterwegs-sein zu finden. Denn wenn ich verreise, bekomme ich nichts bezahlt. Dafür kann ich nach Absprache regelmäßiger (wenn auch nur kurz) wegfahren und muss nicht auf Urlaubstage warten. Und natürlich macht mir die Arbeit auch Spaß, sonst würde ich sie nicht schon so lange machen. Wenn Arbeiten und Verreisen zusammenfällt, ist das natürlich eine optimale Kombination für mich.

 

Was mache ich in der Arbeit als persönliche Assistentin? Was ist überhaupt persönliche Assistenz?

Als „Assi“ unterstütze ich Menschen, die für ein selbstbestimmtes und eigenständiges Leben ein klein wenig Hilfe benötigen. Ich bin Hände, Füße, Augen, Ohren, Mund oder einfach anwesend, um bei Bedarf da zu sein. Die Aufgaben sind vielfältig und können von Person zu Person komplett verschieden sein. Es kann um Hilfe daheim beim Kochen, Einkaufen oder Putzen gehen. Es kann Unterstützung im Arbeitsleben sein. Oder auch um Assistenz in der Freizeit, um gemeinsam schwimmen oder Rad fahren zu gehen oder Konzerte zu besuchen. Je nach Person können auch Hilfeleistungen beim Toilettengang oder bei der Körperpflege nötig sein.

Es ist pure Unterstützung, es ist kein Ersatz für die jeweilige Person oder eine pflegerische Tätigkeit. Alle Handlungen müssen von der Kundin oder dem Kunden angeleitet werden. Oft geht es darum Hürden des Alltags aufgrund fehlender Barrierefreiheit überwinden zu helfen.

Das ist auch einer der großartigen Aspekte an der Arbeit als persönliche Assistentin. Sie sensibilisiert z.B. rund um das Thema Barrierefreiheit. Es macht aufmerksam, wo Hilfen im öffentlichen Raum vorhanden sind und wo nicht. Es lässt einen plötzlich Stufen, hohe Theken und bauliche Fehler in angeblich barrierefreien Gebäuden wahrnehmen. Grenzen werden sichtbar und auch die Arroganz vieler Menschen, die erst nach Aufforderung am Gehweg Platz machen, starren oder aus Faulheit Lifte blockieren.

 

Reisen mit Elektro-Rollstuhl? Wie funktioniert barrierefreies Reisen?

Reisen mit elektrischem Rollstuhl muss geplant sein. Einfach so darauf los ist mit einem Elektro-Rollstuhl der höchstens gekippt, aber keinesfalls angehoben oder getragen werden kann, nicht drinnen. Denn diese haben je nach Modell oft ein Gewicht zwischen 120 und 250 kg! Mechanische Rollstühle verzeihen mit einigen Kräfteanstrengungen fehlende Barrierefreiheit leichter (Sie sind leichter und können daher im Notfall auch über höhere Stufen gehievt werden).

Wer mit E-Rollstuhl neue Wege im öffentlichen Leben erkunden will, muss vorab eins: sich erkundigen. Telefonate mit Verkehrsbetrieben über die Taktung von barrierefreien Verkehrsmitteln müssen geführt werden, Alternativen für den Notfall abgewogen werden und gegebenenfalls Hilfe beim Ein- & Aussteigen organisiert werden. Es muss herausgefunden werden, ob es barrierefreie zugängliche Sanitäranlagen in Lokalen gibt oder ob beispielsweise genügend große Lifte vorhanden sind, um Stufen zu überwinden.

Wer wichtige Termine hat, muss ausreichend Zeit einplanen: denn kaputte Lifte (ein kaputter Lift kostet mindestens eine halbe Stunde Zeit) oder übervolle Busse, die einen die Mitnahme verweigern (müssen), sind zwar nicht Alltag, aber doch in regelmäßigen Abständen anzutreffen.

Fliegen mit Elektro-Rollstuhl ist ein ganz eigenes Thema. Wer mit E-Rolli fliegen will, muss vorab der Fluggesellschaft unterschiedliche Zertifikate die Batterie betreffend vorlegen, damit einem eine Mitnahme nicht verweigert werden kann.

Summa summarum: Reisen mit körperlichen Einschränkungen ist oftmals ungemein komplizierter.


Als mir das Angebot gemacht wurde, persönliche Assistentin auf einer Reise zu sein, brauchte ich deshalb nicht lang überlegen. Meine Neugier und Aufregung war von Beginn an groß – auch wenn klar war, dass diesmal nicht ich im Mittelpunkt stehen würde, sondern eine andere Person.

Bevor ich euch vom Ausflug mit der österreichischen E-Rolli Fussball-National Mannschaft erzähle, gibt es vorher noch eine Erklärung was E-Rolli Fussball ist.


 

Was ist E-Rolli Fussball?

E-Rolli Fussball gibt es in Österreich seit 2012. Während die Sportart in Ländern wie Frankreich und England bereits eine lange Tradition hat, befindet sie sich in Österreich in der Aufbauphase. Insgesamt gibt es inzwischen drei Mannschaften in Wien, eine im Burgenland und eine (bzw. zwei) in Linz und Salzburg steht kurz vor der Gründung einer Mannschaft.

Zum Spielen wird an den (Sport-) E-Rolli ein Gitter angebracht, mit dem der etwas größere Ball zugespielt werden kann. Alter (>6 Jahre) und Geschlecht sind bei der Mannschaftsbildung, die aus 3 FeldspielerInnen und einer Torfrau/einem Tormann besteht, nebensächlich. Das Spielfeld ist in etwa so groß wie ein Basketballfeld. Die Torlänge beträgt 6 Meter. Die Spiellänge beträgt 2x 20 Minuten.

Hier gibt es einen kurzen Videomitschnitt von einem Trainingsspiel im Schnelldurchlauf zum Anschauen:

Für internationale Turniere müssen die eingesetzten E-Rollis bestimmten Abmessungen und Sicherheitsstandards entsprechen. Die Leistungsfähigkeit der E-Rollis wird in Bezug auf Geschwindigkeit und Beschleunigung vor jedem Spiel mittels Speedtests kontrolliert und auf ein einheitliches Maß für alle SpielerInnen normiert. In höheren Klassen gibt es zudem eine Klassifizierung der SpielerInnen nach körperlichen Leistungsvermögen.

Weitere Infos zu dieser Sportart sowie dem genauen Regelwerk gibt es auf E-Rolli Fussball Österreich nachzulesen.

 

Reisen als persönliche Assistentin: Mit am E-Rolli Fussball Turnier in Sevenoaks

Oder auch was für Erfahrungen ich als persönliche Assistentin beim Reisen gemacht habe

Powerchair_Selfie
Selfie von der Zuschauergalerie mit Blick auf die Sporthalle und das Turnierspielfeld

 

Anreise zum E-Rolli Fussball Turnier in Sevenoaks

Für mich ging die Reise am Dienstag Früh los. Um sechs in der Früh holte ich meine Kundin von Daheim ab, von wo wir uns mit dem Zug am Weg zum Flughafen Wien machten. Um Zeit zu sparen, hatte die Mannschaft die E-Rollis und einen Großteil des Gepäcks schon am Vortag eingecheckt. Zum Glück – denn obwohl wir begleitet von einem netten Herrn durch den Flughafen gelotst wurden, dauerte es gefühlte Stunden bis alle den für RollifahrerInnen komplizierten Weg durch den Flughafen bis zum Flugzeug zurückgelegt hatten. In die benötigten Lifte passte immer nur ein Rollstuhl hinein und wir waren insgesamt 7 RollifahrerInnen, 8 Begleitpersonen, 2 Coaches, 1 Schiedsrichter und 1 Techniker.

Nach den Erlebnissen vom Flughafen in London Heathrow kann ich aber sagen (Erfahrung 1): Hilfeleistungen am Flughafen Wien top, Flughafen London Heathrow flop.

Powerchair_Flugzeug
Stuhl, auf dem die Menschen mit körperlichen Einschränkungen zu ihrem Platz im Flugzeug transportiert werden

Am Flugzeug angelangt, wurde ein/e RollifahrerIn nach der/dem anderen auf einen schmalen Stuhl, der durch den Flugzeuggang passt, umgesetzt und auf den zugewiesenen Platz gebracht. Die mechanischen Rollstühle wurden zerlegt bzw. zusammengeklappt und verladen.

Die Unterschiede zu meinen Reisen könnten kaum größer sein. Während ich meist nur Online Check-In machte und oft recht knapp bemessen zur Gepäckabgabe oder gleich zum Boarden ging, hatten wir gute 3 Stunden Zeit am Flughafen eingeplant (Erfahrung 2: Lieber mehr Zeit einplanen als zu wenig!). Zum Flughafen fuhren wir mit dem CAT, den ich zum ersten Mal in meinem Leben benutzte. Denn dieser ist – im Gegensatz zu der von mir normalerweise genutzten Schnellbahn S7 barrierefrei. Eine Alternative wäre neuerdings auch einer der Railjets mit fahrzeuggebundener Einstiegshilfe vom Wiener Hauptbahnhof (Erfahrung 3: Nicht jede/r hat die Qual der Wahl!).

Obwohl ich vermutet hatte, dass spezielle Plätze für Menschen mit körperlichen Einschränkungen vergeben werden – zwecks Platz einnehmen und eventuellen nötigen Hilfeleistungen, ist dem nicht so. Untereinander tauschten wir also die Plätze, sodass eine Rolli-Person neben der dazugehörigen Begleitperson sitzen konnte. Eine externe Person erklärte sich zudem dazu bereit den Platz zu wechseln. Beim Rückflug waren die Menschen weniger verständnisvoll, sodass ein Rolli-Fahrer allein sitzen musste! Kurzstreckenflüge ok, Langstreckenflüge oh weh! Schließlich kann die Person ja nicht aufstehen, um jemanden vorbeizulassen. Geschweige denn allein sitzen, falls dauerhaft eine Hilfestellung der Begleitperson nötig wäre.

Als unwissende Person erkundigte ich mich beim Rückflug noch bei einer äußerst verständnisvollen Stewardess über übliche Vorgangsweisen. Nun weiß ich (Erfahrung 4), auch die Rolli FahrerInnen unterliegen der „Ticketlotterie“, die automatisch je nach Geschlecht und angenommenen Durchschnittsgewicht die Sitzplätze vergibt. Wer wo anders sitzen oder neben seiner Begleitperson sitzen will, muss den Aufpreis zahlen. Es gibt anders als erwartet kein Entgegenkommen.

Den Hinflug hatten wir gut überstanden. Das Chaos begann in London Heathrow. Wir hatten soeben unser normales Gepäck vom Gepäcksband gesammelt, als uns – als letzte Hilfestellung – 7 verpackte E-Rollis, ein verpacktes Fahrrad und ein verpackter Hebelifter vor die Nase gestellt wurde. Grenzwertig zuviel Gepäck zum Transportieren für die Anzahl an Menschen, die Gehen konnten und gleichzeitig Rollis schieben sollten. Naja, irgendwie ging es dann doch.

Das Gepäckschaos am Flughafen London-Heathrow
Das Gepäckschaos am Flughafen London Heathrow

Gegenseitiges Ziehen und Schieben, gleichzeitiges Vorwärtsbewegen von zwei Rollis mit je einer Hand, ein übervoller Gepäckswagen vorne zum Schieben und einer hinten zum Ziehen – so zogen wir Meter für Meter durch den Flughafen. Stau überall wo wir vorbeikamen war vorprogrammiert. Aber auch nach Rückfragen wurde weitere Hilfe nur gegen Bezahlung angeboten. (Erfahrung 5: Hilfe ist nicht selbstverständlich.) Im Nachhinein betrachtet war es irgendwie ein ungeplantes und wertvolles Teambildung (Erfahrung 6: Wer genau hinschaut, kann auch an vielen negativen Dingen etwas Positives erkennen!).

Am schlimmsten war es, als wir mühsam versuchten den schmalen Gang der Grenzzone zu durchqueren. Keiner durfte umkehren, um weitere Gepäckwägen oder RollifahrerInnen zu holen und zu schieben. Auch eine Umkehr unter Aufsicht, um zu helfen, wurde uns von den arbeitenden Personen ausdrücklich untersagt. Nichts tuend saßen sie daneben und wurden ganz zappelig, weil wir nicht schnell vorwärts kamen. Wtf!

Ganze 3 Minivans warteten schon auf uns in der Abholzone. Nach komplizierten Auf- und Ab mit dem Lift – die Warteschlangen von gesunden, gehenden Personen waren unendlich und einer guten Stunde (wenn nicht sogar länger) voll Stapeln des Gepäcks und Verladen und fahrgerechten Fixieren der Rollis und RollifahrerInnen gings endlich los. (Erfahrung 7: Verladen muss gelernt sein – generell und Rollis im Speziellen.)

Der geladene Minivan kurz vor der Abfahrt
Der beladene Minivan kurz vor der Abfahrt

Rund eine Stunde Fahrtzeit benötigen wir bis Westerham, das ganz nahe Sevenoaks gelegen ist. Dort wurden wir in der Valence School, einer Schule, die auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen mit körperlichen Einschränkungen spezialisiert ist, untergebracht. Auf dem großzügigen Schulgelände befinden sich mehrere Wohnbungalows, die Platz für alle Mannschaften boten. Unser Bungalow besaß einen großen Aufenthaltsraum mit Gemeinschaftsküche, zwei Doppelzimmer und 2 Einzelzimmer. Jeweils zwei Zimmer teilten sich ein großzügiges Bad und WC. Beinahe alles konnte elektrisch bedient werden: die Türen, die Höhe des Waschbeckens, die Höhe der Küchenarbeitsflächen, die Vorhänge – ich fragte mich die ganze Zeit was wohl bei Stromausfall passieren würde.

Valence School in Westerham
Valence School in Westerham

Jedenfalls, alles was die Schule an (Barriere-)freiheit an Wegen und Ausstattung bot, nahm sie sich wieder bei der Bewegungsfreiheit im Internet. Sämtliche Social-Media Kanäle wurden vollständig blockiert und waren laut einem Aushang nur wenige Stunden am Abend und am Wochenende verfügbar. Laut Auskunft wird der Internetzugang per landesweiten Gesetz auf Schulgeländen geregelt – die Benutzung von Social Media gehört nicht zu den Befugnissen englischer SchülerInnen.

Mein unfreiwilliger Social Media Detox gehörte nicht zu meinem liebsten Erfahrungen – ich fühlte mich eingeschränkt und bin daher noch mehr froh (Erfahrung 8), dass ich – bis auf diverse Streamingseiten – in einem Land mit Internetfreiheit lebe. Die Einschränkungen am Schulgelände waren mir schon genug. Da meine Schulzeit schon einige Jahre her ist und wir im Informatikunterricht „Internet surfen lernten“ und an Turtle Graphik programmierten, war eine Wlan Ausstattung an Schulen noch weit entfernt. Ich glaube aber, es gibt an österreichischen Schulen keine Sperren. Oder doch?

Meine Kundin bezog das übrig gebliebene Einzelzimmer. Mir wurde ein Feldbett zur Verfügung gestellt. Da keine Unterstützung in der Nacht nötig war, bezog ich – statt das Zimmer mit meiner Kundin zu teilen – die Gemeinschaftsküche, um in meiner freien Zeit, vor allem am Abend unabhängiger agieren zu können. Der Fotograf Sergiu, der eigenständig angereist war, wurde mein Mitbewohner. Er bezog die Couch.

Nach dem Ankommen, Auspacken, dem Zusammenbauen der E-Rollis (langsam fühl(t)e ich mich als Profi – vielleicht werde ich in meinem nächsten Leben E-Rolli Technikerin), einer Teambesprechung und einem gemeinsamen Barbecue mit allen anderen bereits eingetroffenen Teams stand nichts mehr am Programm. Aber der Tag war für uns alle schon lang genug gewesen.

 

Der Eröffnungstag mit Trainingsspielen und -feier

Spielsituation bei einem Trainingsspiel
Spielsituation bei einem Trainingsspiel

Nach einer angenehmen Nacht wurden wir als erstes Team in den Bus verladen, um auf das Schulgelände nach Sevenoaks zu fahren. (Erfahrung 9: Richtiges Verladen und Fixieren von Rollstühlen – Check!). Dort fand das tatsächliche Turniergeschehen statt – am ersten Tag gab es jedoch nur freundschaftliche Trainingsspiele. Kennenlernen, Eingewöhnen und Zurechtfinden stand im Mittelpunkt. Zeitgleich wurden die mitgereisten SchiedsrichterInnen geschult und neue SpielerInnen klassifiziert (in Leistungsgruppen geteilt).

Als bisher international unerfahrene Mannschaft gab es viel neues Reglement kennenzulernen. Es wurden die strengen Kontrollen der E-Rollis auf Sicherheit und Geschwindigkeit erklärt und gezeigt.

Der Tag verging schnell. Obwohl ich nur in den Trinkpausen und Pausen gebraucht wurde, fühlte ich mich dauerbeschäftigt. Vielleicht auch, weil ich viele Fotos schoss und Videos machte und erfreulicherweise meine Social Media Kanäle benutzen konnte.

Am Abend gab es eine noble, gemeinsame Eröffnungsfeier im nahegelegenen Golfclub.

Der edel, gedeckte Tisch im noblen Golfclub in Westerham
Der edel, gedeckte Tisch im noblen Golfclub in Westerham

 

Die Tage des freundschaftlichen Entwicklungsturniers

Teambesprechung am Morgen
Teambesprechung am Morgen

Die Stimmung in der Mannschaft war von Beginn an ausgezeichnet. Nur die Aufregung war vor jedem Spiel groß, obwohl es im Grunde um nichts ging – außer dem Erfahrungen sammeln. Trotzdem flossen immer wieder Tränen aus Erleichterung, Erschöpfung, Anspannung und Freude. Alles war ein wenig emotional, neu und vor allem VIEL.

Doch das regelmäßige Training der österreichischen Mannschaft hatte sich gelohnt. Sowohl in der Technik als auch mit taktischen Spielzügen konnte Österreich auf internationalem Niveau gut mithalten – nur die Routine und Konstanz in der Leistung fehlte. Die neuen von Ottobock zur Verfügung gestellten Sport-E-Rollis hatten sicherlich ihren Anteil daran.

Die Spiele, das Üben und die Erklärungen brachten für alle einen enormen Benefit. Nur so freundschaftlich wie beworben, fand ich persönlich, die Spieltage nicht. Wo die Grenzen zwischen Freundschaft, Fairness und sportlichen Ehrgeiz liegen ist schwer festzulegen und vielleicht auch positionsabhängig.

Sechs Vorrundenspiele fanden am ersten richtigen Turniertag statt. Jede Mannschaft spielte einmal gegeneinander.

Österreich spielte ein Unentschieden gegen Irland, gewann gegen Deutschland und verlor gegen England. Die Annahme, dass sich England fix gegen Irland durchsetzen würde (und Österreich somit auf den zweiten Gruppenplatz einreihen würde und damit FinalteilnehmerIn wäre), bewahrheitete sich nicht. England setzte unerwartet die Zweitbesetzung der Mannschaft im Spiel gegen Irland ein und verlor. Die taktische Raffinesse der EngländerInnen, die dahinter erkannt wurde, verhalf Irland auf den zweiten Platz. Deutschland bekam die geballte Ladung Enttäuschung ab und wurde im letzten Spiel ohne Kompromisse weggeschoßen.

Großes und kleines Finale ergab daher für den nächsten Tag England und Irland um Platz 1 und 2 und Österreich gegen Deutschland um Platz 3 und 4.

Erfahrung 10: Sport ist nicht immer fair. War es in Ordnung aus taktischen Überlegungen, das Spielergebnis zu beeinflussen? Waren sich die SpielerInnen darüber bewusst? War es fair, so viele Tore gegen Deutschland zu schießen? Oder wäre Zurückhaltung angebracht gewesen? Oder war sowieso alles unfair, weil nicht alle Mannschaften mit gleich guten Elektro-Rollstühlen ausgestattet waren?

Beim und nach dem Barbecue diskutierte ich noch viel mit einigen über die Geschehnisse des Tages. Was fair war und was unfair – darüber gab es unterschiedliche Ansichten.

Am nächsten Tag war der Ärger verraucht und der Stolz ausgebootet worden zu sein groß. Auch die Anspannung der SpielerInnen ließ trotz des Finaltages nach und die Freude dabei zu sein überwiegte. Nur die daneben stattfindende Klassifizierung der SpielerInnen in Leistungsgruppen wirbelte Emotionen auf. Die Finalspiele waren – trotz vorhersehbaren Ausgangs – spannend. England gewann vor Irland, Österreich und Deutschland.

Erfahrung 11: Tu das, was dir Spaß macht – oft. Das Leben ist kurz.

Vor dem Abschlussbarbecue erfuhren wir die traurige Nachricht: der Spieler der irischen Mannschaft Joe Berry war am zweiten Tag wegen eines blöden Sturzes außerhalb des Spielgeschehens ins Krankenhaus gebracht worden. Dort war er am späten Nachmittag am Tag der Finalspiele unerwartet verstorben.

Wir waren geschockt und traurig. Damit hatte niemand gerechnet. Eine Mutter der englischen Mannschaft hatte sich sogar noch darum bemüht, ein klein wenig finanzielle Unterstützung für Joes Mutter zu sammeln, da diese mit Joe noch wegen des Krankenaufenthalts ein paar Tage länger in England bleiben würde müssen. Die Gute-Besserungskarte landete im Mülleimer.

Nach dem gemeinsamen Abschlussessen, gab es Ansprachen und eine Schweigeminute. Ich hatte mich währenddessen schon zurückgezogen und mit dem Packen begonnen. Die Abreise für den nächsten Tag war früh geplant.

 

Die Abreise vom E-Rolli Fussball Turnier

Gruppenfoto des österreichischen E-Rolli Fussball Teams in Sevenoaks
Gruppenfoto des österreichischen E-Rolli Fussball Teams in Sevenoaks

Nach einer Woche waren wir schon ein eingeübtes Team im Verladen von E-Rollis. Unerwartet schnell hatten wir am Morgen deshalb Menschen, Rollis und Gepäck verladen.

Früh genug kamen wir am Flughafen in London Heathrow an (wieder circa 3 Stunden vor Abflug). Was dann geschah, war nicht vorherzusehen. Nachdem wir Rollis, Gepäck und Menschen eingecheckt hatten, bekamen wir die Information alle E-Rollis nochmals für die Sicherheitskontrollen auspacken zu müssen. Es war zum Verzweifeln – denn da war es schon kurz vor Boardingtime. Da die Boardingkarten bei den Rollis bleiben mussten, konnte niemand durch die Sicherheitskontrollen zum Flugzeug gehen. Falschinformationen durch Unwissen der am Flughafen arbeitenden Menschen, fehlende Kommunikation der unterschiedlichen Abteilungen untereinander, Arbeitsunwilligkeit des Personals und schlechte Organisation verursachten circa eine Stunde Flugverspätung. Denn die Fluglinie schloß die Türen dankenswerterweise nicht vor unserer Nase.

Wichtige Erfahrung 12 zum Einchecken von Rollis am Flughafen in London Heathrow (in Wien war ich nicht dabei und kann daher nichts über den Ablauf sagen): nachdem normales Gepäck und Menschen am normalen Check-In Schalter eingecheckt werden, müssen die noch nicht Transport gesicherten E-Rollis in einen eigenen Abgaberaum gebracht werden (wir durften diese nicht am Großgepäcksschalter abgeben – vielleicht auch weil wir eine Gruppe waren).  In diesem Abgaberaum fand eine eigene Sicherheitskontrolle und der Check-In der E-Rollis (der bereits durchgeführte Check-In wurde für ungültig erklärt) statt. Die Boardingkarten der BesitzerInnen müssen dabei vor Ort sein. Dass die dazugehörigen BesitzerInnen nicht anwesend sein mussten, handelten wir mit dem Personal aus und bevollmächtigten eine Vertretungsperson.

Obwohl uns beim Einchecken Hilfe zugesichert worden war, musste ich am Unterstützungsschalter für Menschen mit körperlichen Einschränkungen mehrmals nachfragen, um diese tatsächlich zu bekommen. Am Ende war die Unterstützung großartig – wir hätten uns das gleiche Engagement nur ein bisschen früher gewünscht.

Der Rest war dann schon Routine. Umsetzen, Fliegen, Aussteigen, Beladen voll Gepäck durch die Hallen ziehen und diesmal mit Rollstuhltransport – anstelle des Zuges – nach Hause fahren.


Für mich war es eine großartige Woche. Ich habe sie wirklich sehr genossen. (Erfahrung 13: Es ist ein wirklich schönes Gefühl, wenn man auch schon nach Kurzem Teil eines eingeschweissten Teams wird – ich fühlte mich zumindest aufgenommen.)

Vielen Dank an meine Kundin, die österreichische E-Rolli Fussball Mannschaft, die TrainerInnen Leo und Doris, dem Techniker von Ottobock Klaudijo, den einzigen (!) österreichischen, international anerkannten E-Rolli-Fussball Schiedsrichter Nordin, den Fotografen Sergiu und alle fantastischen Assis, Mamas, Freunde und Ehemänner (Berta, Cicero alias Sven, Gerda, Markus, Martin, Michi und Steffi).


 

Zum Abschluß noch meine Tipps für das Reisen als persönliche Assistentin:

  • ein eigenes Zimmer ist wirklich empfehlenswert. Vorausgesetzt dafür ist natürlich, dass keine häufige Unterstützung in der Nacht nötig ist. Ich hatte für den Notfall nur mein Handy auf laut geschaltet. Ein eigenes Zimmer gibt einfach mehr persönlichen Freiraum. (Ich empfand tatsächlich auch die Gemeinschaftsküche, die ich mir mit Sergiu teilte, als „mein“ bzw. „unser“ Zimmer. Die anderen nahmen in der Früh furchtbar viel Rücksicht und kamen erst nach einer vereinbarten Uhrzeit in die Küche.)
  • Falls häufige Unterstützung in der Nacht benötigt wird, sind dringend fixe Pausen am Vormittag für die AssistentInnen einzuplanen oder die Mitnahme einer zweiten Begleitperson notwendig. Sonst wird es, meiner Meinung, auf Dauer für eine Person zu anstrengend.
  • Wer als persönliche Assistentin verreist, muss sich bewusst sein, dass die Pausen möglicherweise nicht ausreichen, um selbständig auf Entdeckungstour zu gehen. Es kann sein, dass ein richtiges „Abschalten“ in den Pausen schwer ist. Meine „Kopferholung“ fand auf dieser Reise immer am Abend statt, wo ich mit einigen anderen noch vorm Bungalow beisammen saß und viel lachte und witzige Gespräche führte.
  • Gegenseitiger Respekt und Akzeptanz sind Grundvoraussetzungen für ein gutes Miteinander. Auch eure KundInnen lernen vielleicht Seiten von euch kennen, die sie vorher nicht kannten. Lange Dienste können sehr auslaugend sein – Grenzen müssen kommuniziert werden.
  • Statt Dienstzeiten mitzuschreiben, legten wir eine pauschale geschätzte Arbeitsstundenanzahl/Tag von Vornherein fest. Pausen vereinbarten wir relativ spontan vor Ort. Ich empfand diese Vorgangsweise als gute Lösung.
  • Wer über eine Organisation angestellt ist, wird (normalerweise) automatisch auf Reisen zusätzlich versichert. Wer bei KundInnen arbeitet, die selbst als DienstgeberInnen ihre persönlichen AssistentInnen verwalten, sollte zwecks Kranken- und Reiseversicherung nachfragen.

 


Interesse bekommen E-Rolli Fussball zu spielen? Als perönlicheR AssistentIn zu arbeiten oder zu verreisen?

Hattest du schon eine ähnliche Erfahrung? Hast du weitere Tipps fürs Reisen als persönlicheR AssistentIn?

 


Bei der Arbeit als persönliche Assistentin unterliege ich der Verschwiegenheit meiner KundInnen gegenüber. Deshalb bedanke ich mich recht herzlich, dass ich die Erlaubnis bekommen habe, darüber zu berichten. Vielen Dank! Die Reise fand vom 16. bis zum 21. August 2016 statt.

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